Meinungen und Wortmeldungen |
Das angebrannte Kreuz Als interessierter Zuhörer der Inauguration des Skulpturenwegs in Münnerstadt verfolge ich die Diskussion um das angebrannte Kreuz. Als Bezirksrätin steht es mir nicht an, der lokalen Politik einen Rat zu erteilen. Allerdings hat die Diskussion in der Zeitung um das angebrannte Kreuz das Nachdenken beflügelt. In der Eröffnungsveranstaltung war mit dem Verdikt „Blasphemie“ eine Beurteilung dieser Skulptur erfolgt, die vollkommen unangemessen ist. Ich war vor ca. 5 Jahren zu Besuch auf der Marienburg in Malbork in Ostpreußen, ehemaliges Zentrum des Deutschen Ordens. Die Marienburg ist ein Bollwerk der Macht des Deutschen Ordens gewesen und Ausdruck starken Glaubens des Mittelalters bzw. der Renaissance. In der Marienburg hängt ein Barockkreuz, mitten geteilt durch eine Bombe der Belagerung im Zweiten Weltkrieg. Dieses Barockkreuz, der Korpus nur halb vorhanden, nur ein Arm ausgestreckt, nur das halbe Lendentuch flattert noch barock, ist das ausdrucksstärkste Kreuz, das ich je gesehen habe. Welche Anklage gegen die Menschheit! Das Kreuz hängt an einer großen weißen Wand, und sonst hängt nichts dort. Man geht auf das Kreuz durch einen kleinen Gang zu und ist erfasst durch den Ausdruck. Ist dieses halbe Kreuz Blasphemie? Wenn es einen besonderen Bezug zu Münnerstadt gibt, dann gibt es den von der Marienburg aus. Hier wie dort ist der Deutsche Orden Bauherr und Bezugspunkt, die Kirche Urgrund. Der Schlachtruf der Deutschordensritter in den Anfängen ihrer Geschichte „Jeder getötete Prusse und Heide ist ein guter Prusse“, läßt uns heute sehr nachdenklich die Zeitläufte passieren. Die Deutschordensritter haben sich den Himmel erhofft durch ihre blutige Missionierung. Was meint unser halber barocker Christus dazu? Was bedeutet das angesengte Kreuz für den Deutschen Orden? Es war das Werk des Deutschen Ordens, in Osteuropa abendländisches Gedankengut in Kunst, Philosophie und Kultur zu verbreiten. Und damit ist Osteuropa für uns „heimatlich“ geworden. Was in Münnerstadt passiert, nämlich, dass wir das Werk eines Künstlers diskutieren, ist das, was moderne Kunst will. Nachdenken, Raum öffnen für Diskussion nach allen Seiten, Neues formulieren, viele Aspekte zulassen. Der Künstler darf sich äußern, er muß sich nicht äußern. Leserbrief von Adelheid Zimmermann, 15.05.2009
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