Meinungen und Wortmeldungen

Das angebrannte Kreuz

Als interessierter Zuhörer der Inauguration des Skulpturenwegs in Münnerstadt verfolge ich die Diskussion um das angebrannte Kreuz.
Die Idee des Skulpturenweges ist weittragend. Eine Statue eröffnet einen Raum, gibt Bezugspunkte zu Landschaft und Architektur und eröffnet Nachdenken und Diskussion.

Als Bezirksrätin steht es mir nicht an, der lokalen Politik einen Rat zu erteilen. Allerdings hat die Diskussion in der Zeitung um das angebrannte Kreuz das Nachdenken beflügelt.

In der Eröffnungsveranstaltung war mit dem Verdikt „Blasphemie“ eine Beurteilung dieser Skulptur erfolgt, die vollkommen unangemessen ist.
Natürlich signalisiert das Ansengen mindestens zwei Dimensionen, für die das Kreuz stehen kann. Das Kreuz als Signum Christi wird von uns als Menschen jeden Tag  stigmatisiert, verletzt, geschändet, weil Menschen immer wieder Dinge tun, die andere Menschen verletzen. Davon ist niemand ausgenommen (Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein). Der Grad der Verletzung ist irrelevant. Es geht nicht darum, was andere machen, es geht darum, was wir machen, reden, veranlassen lauthals oder im Verborgenen. Die Bibel konstatiert dabei ironisch: „Du sieht des Stachel im Auge des anderen, den Balken im eigenen Auge siehst du nicht.“ Die zweite Dimension des Kreuzes ist das Symbol als Kirche. Das Kreuz vertritt die Institution Kirche, und das Kreuz symbolisiert die Vertreter der Kirche. Als Institution unter Menschen und von Menschen ist Kirche naturgemäß nicht ausgenommen von menschlichem Versagen. Sie ist auch nicht ausgenommen von Kritik. Wie anders hätte sich Papst Benedikt VI. bei den Juden entschuldigen sollen? Oder wie das Urteil gegen Garibaldi aufheben sollen? Wo es Menschen gibt, gibt es Versagen und wo es Kirche gibt, gibt es Versagen. Auch das Gute in der Institution Kirche ist unbestritten. Aber der Bildhauer könnte uns  mit dem versengten Kreuz den Aspekt des Versagens zum Nachdenken anheim geben wollen.

Ich war vor ca. 5 Jahren zu Besuch auf der Marienburg in Malbork in Ostpreußen, ehemaliges Zentrum des Deutschen Ordens. Die Marienburg ist ein Bollwerk der Macht des Deutschen Ordens gewesen und Ausdruck starken Glaubens des Mittelalters bzw. der Renaissance. In der Marienburg hängt ein Barockkreuz, mitten geteilt durch eine Bombe der Belagerung im Zweiten Weltkrieg. Dieses Barockkreuz, der Korpus nur halb vorhanden, nur ein Arm ausgestreckt, nur das halbe Lendentuch flattert noch barock, ist das ausdrucksstärkste Kreuz, das ich je gesehen habe. Welche Anklage gegen die Menschheit! Das Kreuz hängt an einer großen weißen Wand, und sonst hängt nichts dort. Man geht auf das Kreuz durch einen kleinen Gang zu und ist erfasst durch den Ausdruck. Ist dieses halbe Kreuz Blasphemie?

Wenn es einen besonderen Bezug zu Münnerstadt gibt, dann gibt es den von der Marienburg aus. Hier wie dort ist der Deutsche Orden Bauherr und Bezugspunkt, die Kirche Urgrund. Der Schlachtruf der Deutschordensritter in den Anfängen ihrer Geschichte „Jeder getötete Prusse und Heide ist ein guter Prusse“, läßt uns heute sehr nachdenklich die Zeitläufte passieren. Die Deutschordensritter haben sich den Himmel erhofft durch ihre blutige Missionierung. Was meint unser halber barocker Christus dazu? Was bedeutet das angesengte Kreuz für den  Deutschen Orden? Es war das Werk des Deutschen Ordens, in Osteuropa abendländisches Gedankengut in Kunst, Philosophie und Kultur zu verbreiten. Und damit ist Osteuropa für uns „heimatlich“ geworden.

Was in Münnerstadt passiert, nämlich, dass wir das Werk eines Künstlers diskutieren, ist das, was moderne Kunst will. Nachdenken, Raum öffnen für Diskussion nach allen Seiten, Neues formulieren, viele Aspekte zulassen. Der Künstler darf sich äußern, er muß sich nicht äußern.
Münnerstadt ist Riemenschneiderstadt. Riemenschneider war ein grandioser Schöpfer neuer Sichtweisen mit erheblichem Mut zu neuen Wegen. Er hat sein Künstlertum bitter bezahlt. Aber die Diskussion um das angebrannte Kreuz sollten die Münnerstädter in der Riemenschneiderstadt mit der härenen Maria Magdalena schon zulassen.

Leserbrief von Adelheid Zimmermann, 15.05.2009

 

zurück zur Homepage